Neuer Entwurf zur Scope 2 Guidance des GHG Protocol: Was jetzt wichtig ist
Die geplanten Änderungen des GHG Protocol betreffen nicht nur die Art, wie Strom aus erneuerbaren Energien bewertet wird, sondern stellen auch das bewährte duale Reporting-System in Frage.
Lesen Sie hier:
- Scope 2 Guidance: darum wurde eine Überarbeitung notwendig
- Scope 2 Guidance : die wichtigsten geplanten Neuerungen im Überblick
- Auswirkungen auf das duale Reporting-System
- Kritische Einschätzungen und Herausforderungen für Unternehmen
- Wie Unternehmen sich auf die neue Scope 2 Guidance vorbereiten können
- Konsultationsphase: Feedback für die Arbeitsgruppe
- Fazit: Grundlegende Veränderungen stehen bevor
Scope 2 Guidance: darum wurde eine Überarbeitung notwendig
Das GHG Protocol erkannte, dass die bestehenden Regeln diesen Entwicklungen nicht mehr gerecht werden. Besonders problematisch: Die bisherigen Richtlinien berücksichtigen weder zeitliche noch geografische Faktoren bei der Bewertung von Grünstromzertifikaten ausreichend. Dies führte zu einer Diskrepanz zwischen den bilanzierten Emissionen und dem tatsächlichen Klimaeffekt von Unternehmensentscheidungen.
Scope 2 Guidance : die wichtigsten geplanten Neuerungen im Überblick
Stündliche Zuordnung statt Jahresbilanzierung
Geografische Nähe als neues Kriterium
Auswirkungen auf das duale Reporting-System
Location-based Accounting nur mit leichten Anpassungen
Unternehmen sollen künftig den örtlich präzisesten verfügbaren Emissionsfaktor verwenden, für den entsprechende Aktivitätsdaten vorliegen. Beispielsweise würde ein lokaler Jahresfaktor einem nationalen Stundenfaktor vorgezogen.
Zusätzlichwerden verbrauchsbezogene Faktoren (sogenannter „consumption mix“) gegenüber produktionsbezogenen Faktoren („generation mix“) bevorzugt, da sie Im- und Exporte zwischen Regionen berücksichtigen und somit den tatsächlichen Strommix für Verbraucher genauer abbilden.
Unternehmen können bei Bedarf Lastprofile nutzen, um Jahresdaten in stündliche Daten umzurechnen und präzisere zeitliche Emissionsfaktoren zu verwenden.
Market-based Accounting vor grundlegenden Veränderungen
- Alle vertraglichen Instrumente müssen künftig stundengenau mit dem Verbrauch abgeglichen werden (hourly matching), außer bei Ausnahmen für kleinere Organisationen.
- Zusätzlich wird das Kriterium der „Deliverability“ eingeführt, wonach nur noch Strom aus Anlagen anerkannt wird, die über das Stromnetz tatsächlich erreichbar sind.
- Neue Regeln für „Standard Supply Service (SSS)“ begrenzen Unternehmen auf ihren anteiligen Anspruch an öffentlich finanzierten oder regulierten sauberen Energiequellen.
- Bei fehlenden Residual-Mix-Faktoren müssen Unternehmen künftig rein fossile Emissionsfaktoren verwenden, statt der bisherigen Durchschnitts-Faktoren.
Diese Änderungen sollen Genauigkeit und wissenschaftliche Integrität stärken und sicherstellen, dass nur noch Beschaffungsstrategien anerkannt werden, die nachweislich zur Dekarbonisierung des Stromnetzes beitragen.
Die neuen Anforderungen an stündliches Matching und geografische Nähe können dazu führen, dass viele der bisher verwendeten Grünstromzertifikate nicht mehr anerkannt werden. Unternehmen, die bisher durch den Kauf von Grünstromzertifikaten ihre market-based Emissionen auf null reduziert haben, müssen deshalb damit rechnen, dass solche Zertifikate unter den neuen Regeln möglicherweise nicht mehr gültig sind.
Scope 2 Guidance : schrittweise Implementierung ab Ende 2027
Das GHG Protocol plant verschiedene Erleichterungsmaßnahmen für die Umsetzung der Scope 2 Guidance, darunter Lastprofile zur Approximation stündlicher Daten aus Monats- oder Jahreswerten, Ausnahmeregelungen für kleinere Unternehmen und eine Legacy-Klausel für bestehende Investitionen.
Die Implementierung soll schrittweise über mehrere Jahre nach der geplanten Veröffentlichung der überarbeiteten Standards (voraussichtlich Ende 2027) erfolgen, um Organisationen, Datenanbietern und Versorgungsunternehmen ausreichend Zeit zur Anpassung zu geben.
Kritische Einschätzungen und Herausforderungen für Unternehmen
Praktische Umsetzungsprobleme
Außerdem würden auf „physischer Lieferbarkeit“ basierende Marktgrenzen die bisherigen nationalen Grenzen durch kleinere, anhand von Netzverbindungen definierte Regionen ersetzen.
In Europa könnte dies bedeuten, dass der bisher weitgehend integrierte EU-Strommarkt in zahlreiche separate regionale Märkte aufgeteilt würde. Diese Einschränkung würde den verfügbaren Pool an erneuerbaren Energiequellen drastisch verkleinern und flexible Beschaffungsstrukturen wie virtuelle Stromabnahmeverträge (VPPAs) untergraben, die bisher das Wachstum erneuerbarer Energien vorangetrieben haben.
Verfügbarkeit passender Zertifikate
Komplexität der Datenerfassung
Risiko kontraproduktiver Effekte
Wie Unternehmen sich auf die neue Scope 2 Guidance vorbereiten können
- Datenmanagement optimieren: Unternehmen sollten bereits jetzt damit beginnen, ihre Systeme zur Erfassung von Energiedaten zu überprüfen und gegebenenfalls aufzurüsten. Die Fähigkeit zur stundengenauen Messung des Stromverbrauchs wird künftig essentiell sein.
- Beschaffungsstrategie überdenken: Die Strategie zur Beschaffung erneuerbarer Energien muss überdacht werden. Langfristige Stromabnahmeverträge (PPAs) mit direkter geografischer Nähe werden an Bedeutung gewinnen, während der reine Zertifikatekauf an Wert verliert. Interessanter könnte auch die Kombination mit flexiblen Stromtarifen und dynamischer Laststeuerung werden – Unternehmen, die ihren Verbrauch in Zeiten eines hohen Angebots von Erneuerbaren Energien verlagern können, erhalten so günstigeren Strom, und können zudem potentiell einen höheren Anteil Grünstrom anrechnen.
- Stakeholder-Kommunikation anpassen: Unternehmen sollten ihre Stakeholder frühzeitig über mögliche Änderungen in der CO2-Bilanzierung informieren. Die neuen Regeln könnten dazu führen, dass bisher kommunizierte Klimaziele neu bewertet werden müssen.
- Pilot-Projekte starten: Es empfiehlt sich, zeitnah Pilot-Projekte mit stündlichem Matching zu starten, um Erfahrungen zu sammeln und Prozesse zu entwickeln. Dies hilft dabei, die Komplexität der neuen Anforderungen besser zu verstehen. Bei der Auswahl von Energieanbietern und Dienstleistern sollte darauf geachtet werden, ob diese die neuen Regelungen im Blick haben und in ihren Produkten umsetzen können.
Konsultationsphase: Feedback für die Arbeitsgruppe
Essenziell sind hier konstruktive Vorschläge für eine schrittweise Einführung der neuen Anforderungen. Eine zu schnelle Umsetzung könnte viele Unternehmen überfordern und kontraproduktive Effekte haben.
Fazit: Grundlegende Veränderungen stehen bevor
Unternehmen, die sich frühzeitig auf die Änderungen vorbereiten, werden im Vorteil sein. Dazu gehört nicht nur die technische Aufrüstung der Datenerfassung, sondern auch eine strategische Neuausrichtung der Energiebeschaffung.
Quellenverzeichnis
2 GHG Protocol: Frequently Asked Questions Scope 2 and Electricity Sector Consequential Accounting – https://ghgprotocol.org/blog/frequently-asked-questions-scope-2-and-electricity-sector-consequential-accounting-public
3 GHG Protocol: Upcoming Scope 2 Public Consultation Hourly Matching and Deliverability – https://ghgprotocol.org/blog/upcoming-scope-2-public-consultation-hourly-matching-and-deliverability
4 GHG Protocol: Upcoming Scope 2 Public Consultation Overview Revisions – https://ghgprotocol.org/blog/upcoming-scope-2-public-consultation-overview-revisions
5 GHG Protocol Scope 2 Public Consultation Document – https://ghgprotocol.org/sites/default/files/2025-10/GHG-Protocol-Scope2-Public-Consultation.pdf