Neuer Entwurf zur Scope 2 Guidance des GHG Protocol: Was jetzt wichtig ist

04.02.2026
Das Greenhouse Gas Protocol überarbeitet seine Scope 2 Guidance grundlegend – und das hat weitreichende Konsequenzen für die CO2-Bilanzierung von Unternehmen weltweit. 

Die geplanten Änderungen des GHG Protocol betreffen nicht nur die Art, wie Strom aus erneuerbaren Energien bewertet wird, sondern stellen auch das bewährte duale Reporting-System in Frage. 

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Scope 2 Guidance: darum wurde eine Überarbeitung notwendig

Die aktuelle Scope 2 Guidance des GHG Protocol stammt aus dem Jahr 2015 und ist in die Jahre gekommen. Seitdem haben sich die Energiemärkte dramatisch verändert: Der Anteil erneuerbarer Energien ist stark gestiegen, neue Technologien wie Batteriespeicher sind verfügbar geworden, und Unternehmen setzen verstärkt auf innovative Beschaffungsstrategien für grünen Strom. 

Das GHG Protocol erkannte, dass die bestehenden Regeln diesen Entwicklungen nicht mehr gerecht werden. Besonders problematisch: Die bisherigen Richtlinien berücksichtigen weder zeitliche noch geografische Faktoren bei der Bewertung von Grünstromzertifikaten ausreichend. Dies führte zu einer Diskrepanz zwischen den bilanzierten Emissionen und dem tatsächlichen Klimaeffekt von Unternehmensentscheidungen. 

Scope 2 Guidance : die wichtigsten geplanten Neuerungen im Überblick

Stündliche Zuordnung statt Jahresbilanzierung

Eine der bedeutendsten Änderungen der GHG Protocol Scope 2 Guidance betrifft das zeitliche Matching von Stromverbrauch und -erzeugung. Künftig sollen Unternehmen ihren Stromverbrauch möglichst stundengenau mit der Erzeugung erneuerbarer Energien abgleichen. Dies bedeutet einen Paradigmenwechsel weg von der bisherigen Jahresbilanzierung hin zu einer deutlich granulareren Betrachtung. 

Geografische Nähe als neues Kriterium

Grünstromzertifikate sollen künftig nur noch anerkannt werden, wenn sie aus geografisch erreichbaren Quellen stammen – also aus demselben Stromnetz oder zumindest aus einer Region mit direkter Netzverbindung. 

 

Auswirkungen auf das duale Reporting-System

Location-based Accounting nur mit leichten Anpassungen

Das GHG Protocol plant Änderungen am location-based Accounting durch eine neue Emissionsfaktor-Hierarchie, die räumliche Präzision vor zeitlicher Granularität priorisiert. 

Unternehmen sollen künftig den örtlich präzisesten verfügbaren Emissionsfaktor verwenden, für den entsprechende Aktivitätsdaten vorliegen. Beispielsweise würde ein lokaler Jahresfaktor einem nationalen Stundenfaktor vorgezogen. 

Zusätzlichwerden verbrauchsbezogene Faktoren (sogenannter „consumption mix“) gegenüber produktionsbezogenen Faktoren („generation mix“) bevorzugt, da sie Im- und Exporte zwischen Regionen berücksichtigen und somit den tatsächlichen Strommix für Verbraucher genauer abbilden. 

Unternehmen können bei Bedarf Lastprofile nutzen, um Jahresdaten in stündliche Daten umzurechnen und präzisere zeitliche Emissionsfaktoren zu verwenden. 

Market-based Accounting vor grundlegenden Veränderungen

Das GHG Protocol plant umfassende Verschärfungen für das market-based Accounting:  

  • Alle vertraglichen Instrumente müssen künftig stundengenau mit dem Verbrauch abgeglichen werden (hourly matching), außer bei Ausnahmen für kleinere Organisationen.  
  • Zusätzlich wird das Kriterium der „Deliverability“ eingeführt, wonach nur noch Strom aus Anlagen anerkannt wird, die über das Stromnetz tatsächlich erreichbar sind.  
  • Neue Regeln für „Standard Supply Service (SSS)“ begrenzen Unternehmen auf ihren anteiligen Anspruch an öffentlich finanzierten oder regulierten sauberen Energiequellen.  
  • Bei fehlenden Residual-Mix-Faktoren müssen Unternehmen künftig rein fossile Emissionsfaktoren verwenden, statt der bisherigen Durchschnitts-Faktoren.  

 

Diese Änderungen sollen Genauigkeit und wissenschaftliche Integrität stärken und sicherstellen, dass nur noch Beschaffungsstrategien anerkannt werden, die nachweislich zur Dekarbonisierung des Stromnetzes beitragen. 

Die neuen Anforderungen an stündliches Matching und geografische Nähe können dazu führen, dass viele der bisher verwendeten Grünstromzertifikate nicht mehr anerkannt werden. Unternehmen, die bisher durch den Kauf von Grünstromzertifikaten ihre market-based Emissionen auf null reduziert haben, müssen deshalb damit rechnen, dass solche Zertifikate unter den neuen Regeln möglicherweise nicht mehr gültig sind.

Scope 2 Guidance : schrittweise Implementierung ab Ende 2027

Kritische Einschätzungen und Herausforderungen für Unternehmen

Praktische Umsetzungsprobleme

Die geplanten Neuerungen der GHG Protocol Scope 2 Guidance stoßen in der Praxis auf erhebliche Herausforderungen. Die Anforderungen an stündliches Matching werden als unrealistisch für die meisten Unternehmen eingeschätzt, da die notwendige Infrastruktur und Datenqualität oft nicht vorhanden sind. 

Außerdem würden auf „physischer Lieferbarkeit“ basierende Marktgrenzen die bisherigen nationalen Grenzen durch kleinere, anhand von Netzverbindungen definierte Regionen ersetzen. 

In Europa könnte dies bedeuten, dass der bisher weitgehend integrierte EU-Strommarkt in zahlreiche separate regionale Märkte aufgeteilt würde. Diese Einschränkung würde den verfügbaren Pool an erneuerbaren Energiequellen drastisch verkleinern und flexible Beschaffungsstrukturen wie virtuelle Stromabnahmeverträge (VPPAs) untergraben, die bisher das Wachstum erneuerbarer Energien vorangetrieben haben. 

Verfügbarkeit passender Zertifikate

Ein zentrales Problem liegt in der begrenzten Verfügbarkeit von Grünstromzertifikaten, die den neuen Kriterien entsprechen. Stündlich gematchte Zertifikate mit Zusätzlichkeitsnachweis sind derzeit nur in wenigen Märkten verfügbar und deutlich teurer als herkömmliche Zertifikate. 

Komplexität der Datenerfassung

Die Anforderungen an die Datenerfassung steigen erheblich. Unternehmen müssen künftig nicht nur ihren Gesamtstromverbrauch dokumentieren, sondern diesen stundengenau erfassen und mit entsprechenden Erzeugungsdaten abgleichen. Dies erfordert neue IT-Systeme und Prozesse. 

Risiko kontraproduktiver Effekte

Kritiker befürchten, dass eine zu schnelle Einführung der neuen Standards kontraproduktive Effekte haben könnte. Wenn Unternehmen ihre (meist freiwilligen) Klimaziele nicht mehr durch verhältnismäßig einfache Zertifikatekäufe erreichen können, könnten sie weniger ambitionierte Ziele setzen oder ganz auf erneuerbare Energien verzichten. 

Wie Unternehmen sich auf die neue Scope 2 Guidance vorbereiten können

  • Datenmanagement optimieren: Unternehmen sollten bereits jetzt damit beginnen, ihre Systeme zur Erfassung von Energiedaten zu überprüfen und gegebenenfalls aufzurüsten. Die Fähigkeit zur stundengenauen Messung des Stromverbrauchs wird künftig essentiell sein. 
  • Beschaffungsstrategie überdenken: Die Strategie zur Beschaffung erneuerbarer Energien muss überdacht werden. Langfristige Stromabnahmeverträge (PPAs) mit direkter geografischer Nähe werden an Bedeutung gewinnen, während der reine Zertifikatekauf an Wert verliert. Interessanter könnte auch die Kombination mit flexiblen Stromtarifen und dynamischer Laststeuerung werden – Unternehmen, die ihren Verbrauch in Zeiten eines hohen Angebots von Erneuerbaren Energien verlagern können, erhalten so günstigeren Strom, und können zudem potentiell einen höheren Anteil Grünstrom anrechnen. 
  • Stakeholder-Kommunikation anpassen: Unternehmen sollten ihre Stakeholder frühzeitig über mögliche Änderungen in der CO2-Bilanzierung informieren. Die neuen Regeln könnten dazu führen, dass bisher kommunizierte Klimaziele neu bewertet werden müssen. 
  • Pilot-Projekte starten: Es empfiehlt sich, zeitnah Pilot-Projekte mit stündlichem Matching zu starten, um Erfahrungen zu sammeln und Prozesse zu entwickeln. Dies hilft dabei, die Komplexität der neuen Anforderungen besser zu verstehen. Bei der Auswahl von Energieanbietern und Dienstleistern sollte darauf geachtet werden, ob diese die neuen Regelungen im Blick haben und in ihren Produkten umsetzen können.

Konsultationsphase: Feedback für die Arbeitsgruppe

Die Arbeitsgruppe holte sich in mehreren Phasen Feedback zu den vorgeschlagenen Anpassungen von Unternehmen ein. Dadurch gab es die Möglichkeit Änderungen einzureichen und auf praktische Herausforderungen hinzuweisen. 

Essenziell sind hier konstruktive Vorschläge für eine schrittweise Einführung der neuen Anforderungen. Eine zu schnelle Umsetzung könnte viele Unternehmen überfordern und kontraproduktive Effekte haben. 

Fazit: Grundlegende Veränderungen stehen bevor

Die geplanten Änderungen an der Scope 2 Guidance des GHG Protocol markieren einen Wendepunkt in der CO2-Bilanzierung. Während die Intention, eine realitätsnähere Bewertung des Klimaeffekts von Stromkäufen, durchaus berechtigt ist, bringen die neuen Regeln erhebliche praktische Herausforderungen mit sich. 

Unternehmen, die sich frühzeitig auf die Änderungen vorbereiten, werden im Vorteil sein. Dazu gehört nicht nur die technische Aufrüstung der Datenerfassung, sondern auch eine strategische Neuausrichtung der Energiebeschaffung. 

Sie möchten Ihr Unternehmen optimal auf die neuen Scope 2-Anforderungen vorbereiten? SAIM unterstützt Sie dabei, Ihre CO2-Bilanzierung zukunftssicher aufzustellen und effiziente Strategien für die Beschaffung erneuerbarer Energien zu entwickeln. Kontaktieren Sie uns für eine individuelle Beratung zu den kommenden Änderungen im GHG Protocol. 

Quellenverzeichnis

1 GHG Protocol: Release GHG Protocol Opens Public Consultations Scope 2 and Electricity Sector Consequential – https://ghgprotocol.org/blog/release-ghg-protocol-opens-public-consultations-scope-2-and-electricity-sector-consequential 

2 GHG Protocol: Frequently Asked Questions Scope 2 and Electricity Sector Consequential Accounting – https://ghgprotocol.org/blog/frequently-asked-questions-scope-2-and-electricity-sector-consequential-accounting-public 

3 GHG Protocol: Upcoming Scope 2 Public Consultation Hourly Matching and Deliverability – https://ghgprotocol.org/blog/upcoming-scope-2-public-consultation-hourly-matching-and-deliverability 

4 GHG Protocol: Upcoming Scope 2 Public Consultation Overview Revisions – https://ghgprotocol.org/blog/upcoming-scope-2-public-consultation-overview-revisions 

5 GHG Protocol Scope 2 Public Consultation Document – https://ghgprotocol.org/sites/default/files/2025-10/GHG-Protocol-Scope2-Public-Consultation.pdf 

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