Klima-Szenarioanalyse: Unsicherheit planbar machen

26.03.2025
Die Szenarioanalyse ist ein methodisches Instrument, das Unternehmen dabei unterstützt, sich auf verschiedene mögliche Zukunftsentwicklungen vorzubereiten. 

Klima-Szenarioanalyse: ein Leitfaden für Unternehmen

Die Klima-Szenarioanalyse gewinnt zunehmend an Bedeutung, insbesondere vor dem Hintergrund regulatorischer Anforderungen wie der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). Unternehmen stehen vor der Herausforderung, sich auf die Auswirkungen des Klimawandels einzustellen und resilienter gegenüber klimabezogenen Risiken zu werden. 

Dieser Beitrag gibt einen praxisnahen Überblick über die Klima-Szenarioanalyse, ihre Typen, Methoden und strategische Einbettung. 

Beachten Sie bitte auch: 

Was ist eine Szenarioanalyse?

Eine Szenarioanalyse zeichnet Ihnen Bilder möglicher Zukünfte: Wie könnten sich wirtschaftliche, gesellschaftliche oder klimatische Entwicklungen unter bestimmten Bedingungen entfalten? Und welche Auswirkungen hätte das jeweils auf die Geschäftstätigkeiten des Unternehmens? 

So hilft Ihnen die Szenarioanalyse, potenzielle Risiken und Chancen systematisch zu durchleuchten und Ihre strategischen Entscheidungen auf ein solides Fundament zu stellen. Die Szenarien spannen dabei bewusst einen weiten Bogen – von der geordneten Umsetzung weltweiter Klimaziele bis hin zu kritischen geopolitischen Entwicklungen. Auf diese Weise bekommen Sie ein Gefühl für die ganze Bandbreite möglicher Zukünfte. 

Die Klima-Szenarioanalyse fokussiert sich speziell auf klimabezogene Entwicklungen. Sie hilft Unternehmen, die Auswirkungen des Klimawandels auf Geschäftsmodelle, Lieferketten und Investitionen zu bewerten und strategische Anpassungen vorzunehmen. 

Warum ist die Szenarioanalyse wichtig?

In einer Welt voller globaler Herausforderungen wie dem Klimawandel müssen Sie verstehen, wie externe Faktoren Ihr Geschäftsmodell beeinflussen könnten.  

Die Szenarioanalyse bietet Ihnen dabei wichtige Vorteile:  

  • Risikobewertung: Sie erkennen frühzeitig, welche physischen und transitorischen Risiken auf Sie zukommen könnten – etwa durch Extremwetterereignisse oder regulatorische Veränderungen. 
  • Chancenidentifikation: Sie entdecken neue Geschäftsfelder, die sich durch innovative Technologien, Märkte oder gesellschaftliche Trends eröffnen. 
  • Strategische Weitsicht: Sie können testen, wie hoch die Widerstandsfähigkeit (Resilienz) Ihres Unternehmens gegen verschiedene Entwicklungen ist und daraus Maßnahmen ableiten. 

Typen von Szenarien

Szenarioanalysen im Nachhaltigkeitskontext unterscheiden in der Regel zwischen: 

  • Übergangsszenarien (transitorische Risiken): Diese Szenarien betrachten den Wandel zu einer klimaneutralen Wirtschaft, etwa durch COc-Bepreisung oder technologische Innovationen. 
  • Physische Szenarien (physische Risiken): Hier stehen die klimatischen Folgen bei unzureichenden Klimaschutzmaßnahmen im Fokus, etwa Extremwetterereignisse oder langfristige Veränderungen wie der Anstieg des Meeresspiegels.

Physische Klimaszenarien

Physische Szenarien analysieren die direkten Auswirkungen des Klimawandels, wie extreme Wetterereignisse, Meeresspiegelanstieg oder Temperaturveränderungen. Sie modellieren die Auswirkungen verschiedener Treibhausgaskonzentrationen auf Temperaturveränderungen, Niederschlagsmuster und Wetterextreme. Ab bekanntesten sind die Szenarien des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), die sogenannten Representative Concentration Pathways (RCPs). 

Anhand der angenommenen globalen Temperaturerhöhung bis zum Ende des Jahrhunderts lassen sich physische Klimaszenarien gut einordnen und vergleichen. Für die IPCC-Szenarien reicht diese von 1,5°C im (mittlerweile sehr unrealistischen) RCP 1.9, bis zu alarmierenden 4°C im RCP 8.5. 

Transitorische Klimaszenarien

Diese Szenarien modellieren die Entwicklung der regulatorischen, technologischen oder marktbezogenen Bedingungen, etwa durch strengere Emissionsvorgaben oder verändertes Konsumverhalten. Diese Szenarien gehen in der Regel auch mit einem bestimmten Temperaturanstieg einher, betrachten jedoch auch die Wechselwirkungen zwischen Klima, Wirtschaft. Politik und Gesellschaft. 

Sie beschreiben, wie sich Emissionen in der Zukunft entwickeln und welche Maßnahmen zur Minderung oder Anpassung an den Klimawandel ergriffen werden. 

Beispiele sind die Szenarien der Internationalen Energieagentur (IEA), die von sehr ambitionierten Verläufen mit Einhaltung des 1.5°C-Ziels („Net Zero by 2050″-Szenario) bis zur Fortschreibung der aktuellen Politik im „Stated Policies“-Szenario (mit Erwärmungen von über 2,5°C) eine große Bandbreite abdecken. 

Auch das IPCC hat zusätzlich zu den physischen RCP-Szenarios die Shared Socioeconomic Pathways (SSPs) erstellt – gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungswege, die beeinflussen, wie Emissionen entstehen und welche Anpassungsmöglichkeiten bestehen.  

Gemeinsam ermöglichen RCPs und SSPs eine umfassende Analyse zukünftiger Klimaszenarien, indem sie sowohl physische als auch sozioökonomische Faktoren berücksichtigen

Vorgehensweise bei der Szenarioanalyse

Die Erstellung einer fundierten Szenarioanalyse kann zum Beispiel so erfolgen: 

  1. Definition des Analyseziels: Welche Fragen sollen beantwortet werden? Geht es um Klimarisiken, Marktentwicklungen oder strategische Weichenstellungen? 
  2. Auswahl relevanter Szenarien: Mindestens zwei kontrastierende Szenarien werden erarbeitet, beispielsweise bezüglich transitorischer Aspekte ein hoch- und ein wenig ambitioniertes Szenario zum weltweiten Klimaschutz.  
  3. Datenanalyse und Modellierung: Mithilfe verfügbarer Klimaszenarien und eigener Prognosen und Erkenntnisse werden die möglichen Entwicklungen qualitativ beschrieben und optional die wichtigsten Parameter quantifiziert. 
  4. Interpretation und Maßnahmenplanung: Die Auswirkungen auf das Unternehmen werden bewertet. Die Ergebnisse fließen in strategische Entscheidungen und operative Maßnahmen ein, um Risiken zu minimieren und Chancen zu nutzen. 

Beispiele für Szenarioanalysen

Landwirtschaft und Ernährungssicherheit: Ein Lebensmittelhersteller, der stark auf Rohstoffe wie Kakao und Kaffee angewiesen ist, könnte eine Szenarioanalyse durchführen, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Verfügbarkeit und Qualität dieser Rohstoffe in verschiedenen Regionen zu untersuchen. 

  • Szenario „moderate Erwärmung“: Veränderte Anbaubedingungen und einzelne Extremereignisse wirken sich graduell auf Erträge, Qualität und Preise aus. 
  • Szenario „starke Erwärmung“: Hohe Risiken durch extreme Wetterereignisse wie Dürren oder Hitzewellen bis hin zum Komplettausfall einiger Anbaugebiete; extreme Preisspitzen möglich. 
  • Ableitbare Maßnahmen: Der Hersteller kann seine Lieferketten diversifizieren, Produktionsprozesse anpassen und in nachhaltige Anbaumethoden investieren. 

 

Energiewirtschaft im Wandel: Ein Unternehmen mit hohem Energieverbrauch könnte eine Szenarioanalyse nutzen, um potenzielle Auswirkungen von Energiepreisentwicklungen oder regulatorischen Änderungen zu untersuchen. 

  • Szenario „Langsamer Übergang“: Energieeffizienz-Maßnahmen lohnen sich eher langfristig; wirtschaftlich betrachtet könnten fossile Anlagen bis zum Ende der Lebensdauer weiterlaufen. 
  • Szenario „Ambitionierter Übergang“: Hohe CO2-Abgaben machen fossile Energie um 30% teurer. Kunden verlangen nach klimafreundlichen Produkten, um eigene Ziele zu erreichen. Hohe Nachfrage nach Grünstrom macht eigene Erzeugung attraktiv. 
  • Ableitbare Maßnahmen: Investitionen in eigene Erzeugung und Speichertechnologien prüfen, energieeffiziente Prozesse entwickeln, Einführung interner CO2-Preise zur Vorbereitung. 

Szenarioanalyse und CSRD

Die CSRD fordert von Unternehmen, Klimarisiken und -chancen systematisch zu bewerten und offenzulegen. Die Szenarioanalyse ist hierbei ein zentrales Werkzeug, insbesondere für die Berichtspflichten im Rahmen der ESRS (European Sustainability Reporting Standards). Unternehmen müssen darlegen, wie resilient ihr Geschäftsmodell gegenüber verschiedenen Klimaszenarien ist – etwa bei der Erreichung oder Verfehlung von Klimazielen. 

Die Szenarioanalyse ist ein zentrales Instrument für Unternehmen, die im Zuge von Klimawandel und regulatorischen Anforderungen nachhaltig erfolgreich bleiben wollen. Sie ermöglicht es, sich auf verschiedene Zukunftspfade vorzubereiten, Risiken zu reduzieren und Chancen zu ergreifen. Gerade in Zeiten erhöhter politischer Unsicherheit gewinnt die vorausschauende Planung durch Szenarien an Bedeutung – als Grundlage für eine glaubwürdige, belastbare und zukunftsorientierte Nachhaltigkeits- und Klimastrategie. 

 

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