Klimapositiv, Netto-Null und CO₂-neutral: Wie kann man noch über Klimaneutralität kommunizieren?
In den letzten Jahren warben viele Unternehmen damit, dass ihre Produkte, deren Verpackung oder ihre Herstellung klimaneutral sind. Ermöglicht wurde das durch die Investition in Klimaschutzprojekte, durch die die Emissionsbilanzen rechnerisch ausgeglichen werden.
Obwohl die Kompensation sicherlich gut gemeint ist und durchaus positive Effekte haben kann, wurde in jüngerer Vergangenheit viel Kritik laut an der Praktik. Die Gründe hierfür sind u. a., die Frage nach der tatsächlichen Wirksamkeit der Maßnahmen, die teilweise stark überhöhten Mengen CO₂, die vermeintlichen dadurch eingespart werden, sowie die Tatsache, dass ein großer Teil der Kosten pro kompensierter Tonne CO₂ bei den Händlern hängen bleibt, nicht aber bei den Projekten selbst.
Aus diesem Grund sind auch Konsument:innen mittlerweile zwiegespalten: Einerseits sind sie bei solchen Begriffen misstrauisch. Andererseits richten sie ihr Kaufverhalten sehr wohl an solchen Green Claims aus. Mit der Folge, dass die Unternehmenskommunikation für eine gewisse Zeit sehr freizügig mit Begriffen wie CO₂-Neutral, Netto-Null oder gar klimapositiv arbeitete, vor allem im Marketing.
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Werbung und Kommunikation mit Begriffen wie Klimaneutral: Vorsicht, Fußangel!
Geklagt hatte der Verein zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs, und ein Blick auf die Details offenbart, wo das Problem liegt: Der Begriff ist nicht etwa als Green Claim problematisch, denn die Green-Claims-Direktive (GCD) kommt erst noch und wird die Situation dann noch einmal grundlegend verändern.
Der Begriff „klimaneutral“ ist problematisch, weil eine solche Umweltaussage schon jetzt gegen bestehende Gesetze verstößt. Speziell kollidiert es mit dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG), unter anderem, weil für Konsumenten nicht schnell, einfach und verständlich erkennbar ist, was Klimaneutralität bedeutet.
Auch die kommende EmpCo-Richtlinie zur Stärkung der Verbraucher für den ökologischen Wandel könnte zum Problem werden. Sie unterscheidet dabei zwischen Unternehmen und Produkten: Für Produkte ist ein solcher Begriff ausdrücklich verboten, für Unternehmen unter Auflagen erlaubt.
Neutral bedeutet nicht „ohne Emissionen“
Die grundlegende Problematik der Neutralitäts-Begriffe ist, dass in ihnen mitschwingt, etwas würde tatsächlich neutral, also ohne Emissionen produziert werden können.
Das ist aber nicht der Fall. Es fallen bei allen Geschäftstätigkeiten immer THG-Emissionen an. Das gilt erst recht, wenn man den gesamten Produktlebenszyklus samt Lieferkette und Entsorgung in allen Bereichen betrachtet.
„Neutral“ kann daher zwangsläufig immer nur bedeuten, dass im Nachhinein ein Gleichgewicht zwischen den klimarelevanten Emissionen und Gegenmaßnahmen geschaffen wurde. Wie genau dieses Gleichgewicht erzielt wird, wird in der heutigen Unternehmenskommunikation selten präzise erläutert.
Doch genau das muss geändert werden, um Transparenz und Glaubwürdigkeit zu schaffen. Wir helfen Ihnen gerne, das Problem maßgeschneidert für Ihr Unternehmen zu verstehen und Klimaschutz besser zu kommunizieren – kontaktieren Sie uns.
Typische Begriffe, mit denen über Klimaschutz gesprochen wird
Es hilft ein Blick auf den Begriffsdschungel, um zu sehen, wo die Probleme bei Werbung und Kommunikation liegen.
Klimafreundlich, klimaschonend
Warum der Begriff problematisch ist: Wie „umweltfreundlich“ ist dieses Wort eigentlich nur auf eine Art zu lesen: Weil der Absender nichts Konkretes sagen kann, muss er vage bleiben – ergo greenwashen.
Tipp: Entweder konkreter werden. Oder vermeiden.
Klimaneutral, Treibhausgasneutral, CO₂-neutral, carbon neutral
Warum der Begriff problematisch ist: Oft soll der Begriff nur aussagen, dass die Emissionen eines Produktes oder Unternehmens unter einem bestimmten Gesichtspunkt rechnerisch eine Null ergeben. Welcher Gesichtspunkt das ist, für welche Scopes (bei Unternehmen) oder Produktlebenszyklusphasen (bei Produkten) das gilt, ob die Maßnahmen, die das Gleichgewicht herstellen, nur rechnerisch arbeiten oder bei der Ursache ansetzen – all das ist dabei nicht geklärt.
Auch werden hier Begriffe vermischt. CO₂-neutral meint explizit nur CO₂, wohingegen Emissionen oder THG erstmal alle 7 THGs meint, die im Kyoto-Protokoll definiert sind. Speziell beim Begriff „CO₂-neutral“ könnte man sich also den Vorwurf einhandeln, nicht alle Treibhausgase zu berücksichtigen und zum Beispiel das erwärmungsrelevantere Methan außen vor zu lassen.
Tipp: Erläutern Sie genau, was gemeint ist: Wie kommt die Neutralität zustande? Für welche Scopes gilt sie? Etc. Sonst gibts Probleme: Denn die Gerichte sehen diese und ähnliche Begriffe zunehmend kritisch. Und: Machen Sie klar, wieviel vorher reduziert oder vermieden wurde.
Klimakompensiert
Warum der Begriff problematisch ist: Kompensation geht vom schwächsten aller Ansätze aus, um das Klima zu schützen. Innerhalb der Kompensation gibt es verschiedene Wege, die nicht alle gleich viel bringen. Wo kompensiert wurde, wurde möglicherweise weder reduziert noch vermieden – so ehrlich der Begriff auch ist, so liegt der Verdacht nahe, dass hier unterm Strich wenig echter Klimaschutz auf Seite des Unternehmens passiert ist.
Tipp: Wählen Sie stärkere Ansätze, etwa indem Sie eine Klimastrategie in Ihrem Unternehmen einführen. Verwenden Sie Kompensation nur, wo nicht reduziert und vermieden werden konnte. Kompensieren sie nur den Rest. Kommunizieren Sie das transparent.
CO₂-reduziert, emissionsreduziert
Warum der Begriff problematisch ist: Ob das wirklich so ist, wie der Begriff suggeriert, oder ob nur eine Teil-Kompensation erfolgt ist, ist durch den rechtlich nicht definierten Begriff selbst noch nicht klar. Kritisch ist auch, dass ohne viel mehr Kontext unklar bleiben muss, worauf sich emissionsreduziert bezieht – zum Beispiel auf ein eigenes (vorheriges) Produkt, auf ein externes Vergleichsprodukt (und warum gerade auf dieses?), auf einen Industriereferenzwert …
Tipp: Seien Sie so präzise wie möglich und erläutern Sie, was genau reduziert wurde, wie viel Prozent vom Gesamten das ausmacht, in welchen Zeiträumen und Scopes diese Aussagen gelten usw.
Emissionsfrei
Warum der Begriff problematisch ist: Der Begriff definiert nicht von selbst, für was genau die Emissionsfreiheit gilt. Elektroautos fahren lokal emissionsfrei, aber der gesamte Lebenszyklus eines E-Autos ist eben nicht emissionsfrei. Nicht mal erneuerbare Energien sind emissionsfrei. Meist dürfte also nur so etwas wie „Klimaneutral“ gemeint sein.
Tipp: Klar vermeiden, denn hier ist das Risiko sehr hoch, mit dem Begriff auf berechtigten Widerstand zu stoßen. Oder nahe bei der Aussage den Konsumenten eine Möglichkeit zu geben, zu verstehen, auf welchen Teil des Produktes oder der Produktnutzung sich eine solche Aussage bezieht.
CO₂-negativ, klimapositiv, CO₂-positiv
Warum der Begriff problematisch ist: Die Begriffe an sich sagen nicht aus, ob durch den Prozess oder das Produkt wirklich langfristig Treibhausgase aus der Atmosphäre entfernt werden – oder ob das durch Maßnahmen wie etwa Baumpflanzung, an anderer Stelle erreicht wird.
Völlig fehl am Platz ist der Begriff, wenn einfach nur eine Über-Kompensation von Emissionen dahintersteckt. Denn er suggeriert, dass Konsument:innen umso mehr fürs Klima tun, je mehr sie vom „klimapositiven“ Produkt konsumieren – dabei geht es beim Klimaschutz zuerst darum, Emissionen so weit wie möglich zu vermeiden.
Tipp: Ein Umweltclaim wie „klimapositiv“ hört sich zunächst gut an. Im engeren Sinne trifft er aber nur auf sehr wenige Produkte zu, und ist schwer nachzuweisen – etwa wenn im landwirtschaftlichen Anbau gleichzeitig mehr Kohlenstoff im Ackerboden gebunden wird.
Wer ihn in Zusammenhang mit Kompensation benutzt, begibt sich auf noch dünneres Eis als bei der Klimaneutralität – und sollte in jedem Fall ein im Kern nachhaltiges Geschäftsmodell haben sowie überzeugende Strategien zur Vermeidung und Reduktion vorweisen können.
Kohlenstoffarm
Warum der Begriff problematisch ist: Selbst wenn weniger Emissionen freigesetzt werden, ist noch lang nicht alles gut. Energiepflanzen zum Beispiel stehen in Konkurrenz mit Nahrungsmittelproduktion, und je nach Herkunft kann die Ausweitung der Anbauflächen den Klimavorteil weitgehend zunichte machen.
In Produkten wie „grünem Heizöl“ oder R33-Diesel wird Biosprit oft nur beigemischt – es bleibt also ein überwiegend fossiler Energieträger, der „weniger kohlenstoffreich“ ist – sich aber deswegen noch lange nicht „arm“ nennen sollte.
Tipp: „Kohlenstoffarm“ suggeriert ja vor allem ein „ärmer als“ – seien Sie stets präzise und liefern Sie klare Vergleichswerte. Schildern Sie zum Beispiel genau, wie viel weniger THGs im Vergleich zu – zum Beispiel – einem marktüblichen Treibstoff anfallen. Seien Sie transparent, welche Effekte (z.B. Landnutzungsänderungen) Sie einbeziehen, und bereiten Sie sich auf kritische Nachfragen vor.
„Net Zero“ und „Netto-Null“
Warum der Begriff problematisch ist: Diese Angaben sind nicht gesetzlich geregelt und können daher sehr wohl auch als Marketing-Begriffe missbraucht werden. Das ist leicht dran zu erkennen, dass keine Definition mitgeliefert wird, nach wessen Spielregeln das Unternehmen „Net Zero“ oder „Netto-Null“ arbeitet.
Tipp: Selbst hier sollten selbstverständlich Vermeidung und Reduktion die vorgelagerten Schritte sein. Sinnvoll wird diese Angabe, wenn sie verständlich macht, an wessen Definition sich das ausrichtet – zum Beispiel am Corporate Net Zero Standard der SBTi. Indem Sie Ihre Klimastrategie auf solchen erprobten Standards aufbauen, erhöhen Sie substanziell ihren tatsächlichen Klimaschutz und können dann auch klarer darüber kommunizieren. Wie das geht, erklären wir Ihnen gerne persönlich.
Was Unternehmen tun können, um ihren Klima-Impact zu reduzieren
- Vermeiden: Nach der Analyse der eigenen Emissionen können Unternehmen dazu übergehen, diese Emissionen zu vermeiden. Beispielsweise kann statt fossilem Strom Ökostrom verwendet werden, Beton kann mit alternativen, CO₂-ärmeren Verfahren gebunden werden.
- Reduzieren: Nicht alle Emissionen werden sich vermeiden lassen, sie können vielleicht nur reduziert werden. Sparmaßnahmen können zum Beispiel den Energieverbrauch reduzieren und optimierte Logistikprozesse die Transportemissionen reduzieren.
- Neutralisieren: Emissionen, die sich nicht vermeiden und nicht weiter reduzieren lassen, können mit speziellen Methoden neutralisiert werden – durch die langfristige Aufnahme von CO₂ aus der Atmosphäre. Ein Beispiel dafür sind Aufforstungsprojekte, die allerdings nicht beliebig skalierbar sind, oder technische Verfahren wie Direct Air Capture (DAC), die aber noch nicht als ausgereift gelten.
- Kompensieren: Die schwächste Variante ist, verbleibende Emissionen mit Hilfe von zertifizierten Klimaschutzprojekten zu kompensieren. Dabei wird die CO₂-Reduktion, die sich durch Projektarbeit irgendwo auf der Welt ergibt, von den eigenen Emissionen abgezogen. In Solar- oder Windkraftprojekte in Entwicklungsländern zu investieren ist einerseits sinnvoll, kann aber als Greenwashing wahrgenommen werden, wenn keine echten Emissionsreduktionen im eigenen Unternehmen erfolgen.
Wie Sie in Ihrem Unternehmen die Emissionsquellen identifizieren, analysieren und in ihrer Relevanz einordnen, um danach mit einer effizienten Klimastrategie den Fußabdruck Ihres Unternehmens zu senken, erklären wir Ihnen gerne persönlich. Kontaktieren Sie gerne unsere Klimastrategen.
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